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Replikation eines Duelldegens

Aktualisiert: 6. Mai

Die Degen Reproduktion dem Original gegenübergestellt.

Erinnern wir uns einmal zurück an den Tag, an dem wir mit dem Fechten begonnen haben. Die Chancen stehen gut dass dieser Tag damit begonnen hat, dass wir zum ersten mal eine dieser wunderschönen, authentischen Fechtwaffen in die Hand gedrückt bekommen haben. Der matte Schimmer des Metalls, das Gewicht, diese Kombination aus Eleganz und Zweck, der Schatten der Geschichte, den der Degen wirft... Ganz anders, viel fesselnder als der Plastikgriff und die Aluglocke des Sportgeräts.


Keine Frage, die guten Waffen sind ein Kernelement des klassischen Fechtens. Und doch gibt es so wenige davon. Ich möchte die Situation für klassische Fechter, die sich für die italienische Fechtweise interessieren, verbessern, und zwar durch die Veröffentlichung von 3D Modellen und Bauplänen. Die Details dazu habe ich ganz unten im Artikel versteckt, denn ich weiß, dass die meisten einfach den Degen sehen wollen ;-).


In diesem Sinne präsentiere ich heute meinen Nachbau, den 1907 von den Greco Brüdern entwickelten, klassisch italienischen Duelldegen [1][2]


Die versetzte Glocke

Hier also haben wir schon die eigentliche Innovation des italienischen Duelldegens: Die große, versetzte Glocke. Tatsächlich waren die Italiener die ersten, die eine solche in ihren Waffen eingesetzt haben.


Zwei französische Duelldegen, gut sichtbar die flache Glocke.
Der französische Duelldegen, mit charakteristisch langem Griff und flacher Glocke.

Einen Schritt zurück. Die Franzosen entwickeln um 1880 ihre Variante des Duelldegens. Er besitzt eine größere Glocke, die jedoch immer noch vergleichsweise flach ist, und die Hand zwar deutlich besser, aber noch nicht perfekt schützt [3]. Schnell erkennen die Italiener den Vorteil eines größeren Handschutzes: Eine Halbkugel wäre ideal. Doch dann passt die Faust nicht mehr komfortabel in das Gefäß... Während auf der einen Seite der Glocke zu viel Platz ist, fehlt derselbe bei den Fingerknöcheln. Die Lösung: Die Halbkugel wird nicht zentriert, sondern versetzt. Das gibt der Hand dort Platz, wo er gebraucht wird.


Ein Florett und ein Degen in der Hand eines Fechters. Der Degen bietet offensichtlich besseren Schutz.
Vergleich Florett vs. Degen. Man beachte den besseren Schutz der Knöchel.

Und hier zeigt sich die Genialität der italienischen Waffenschmiede. Die Glocke wird nicht nur seitlich versetzt, sie wird zusätzlich leicht gekippt. Würde sie nur versetzt, dann würde die Klinge seitlich des Scheitelpunktes der Glocke herausragen. Das ist ästhetisch wenig ansprechend. Durch das Kippen der Glocke wird genau das abgeschwächt. Zusätzlich wölbt sich die Glocke auf der Außenseite noch ein wenig mehr um die Hand und verbessert den Schutz noch weiter. Und das alles, ohne eine komplexe, asymmetrische Glockengrundform.


Diagramm zweier Degen, einer mit nur seitlich versetzter Glocke, einer mit versetzter und schräger Glocke. Letzterer hat den Scheitelpunkt an der Klinge.
Nur seitlich versetzt vs. versetzt und schräg. Man beachte den Scheitelpunkt der Glocke.

Neben der Schutzwirkung stellt sich bei asymmetrischen Glocken noch ein Nebeneffekt ein, den man auch von modernen, versetzten Glocken kennt: Die Waffe möchte sich in der Hand zu ihrem Schwerpunkt drehen. Apropos moderne Glocken: Anders als ihr modernes Gegenstück ist die ursprüngliche Glocke nur seitlich versetzt, nicht nach unten.


Schlanker oder bauchiger Griff?

Vergleicht man frühere Griffe mit den Späteren - seien es Italiener oder Franzose - so fällt einem auf, dass die Griffe ihre Form gewandelt haben. Sowohl das italienische Florett als auch die daraus entstandene Degenvariante haben ausgesprochen dünne Griffe, die sich zum Kauf hin auf einen Durchmesser von gerade einmal etwas über einen Zentimeter verringern. Woher kommt diese Entwicklung?


Angaben in den Quellen dazu machen sich rar, aber man kann gut Vermutungen anstellen. Ein dicker Griff, ebenso ein dicker Knauf, drücken die Waffe von der Hand weg, so dass die Waffe, wenn man nicht dafür kompensiert, in Supination am Gegner vorbeischaut. Nicht weltbewegend, aber doch fühlbar. Spätestens im 19. JH., in dem primär in Supination gefochten wird, beobachten wir, dass die Griffe dahingehend angepasst werden. Die Franzosen "biegen" ihre Griffe, so dass sie sich in einer Kurve an den Handballen anschmiegen statt durch ihn abgelenkt zu werden. Giordano Rossi entwickelt sogar ein italienisches Equivalent zum gebogenen, französischen Griff, der sich aber letzten Endes nicht durchsetzen konnte [4]. Athos di San Malato Staiti widmet dem Thema fast schon einen ganzen Artikel [6].


Abbildung eines von Rossi entwickelten Degengriffs, der sich um die Form der Hand wölbt.
Rossi's Modifikation des klassisch italienischen Griffs. Man beachte, wie sich der Griff an die Hand anpasst.

Aber schon der schlanke, reguläre Griff um 1900 ist in dieser Hinsicht eine Verbesserung. Oben breiter, dann immer dünner werdend, bis er sich mit dem Knauf schließlich wieder subtil verbreitert, hat er eine Form, die dem Handballen-Ausschnitt des Franzosen ähnelt. Dazu kommt, dass sich ein großer Teil der Faust oberhalb der Parierstange befindet, und der Griff als Haltepunkt für die Finger an Bedeutung verloren hat - er dient primär noch als Gegendruck-Stelle eben am Handballen. Als solche muss er nicht breit sein.


Schwerpunkt

Der Aspekt der Fairness war schon immer ein tragendes Element, auf dem Duellplatz nicht minder als im sportlichen Wettkampf. Die Länge der Waffe ist dabei sicher einer der offensichtlichsten Faktoren. Spannend wird es, wenn man einen französischen Fechter einem italienischen gegenüberstellt - denn was genau ist eigentlich die "Länge des Degens"?


Der Franzose besitzt einen längeren Griff, der wiederum ein sehr feines Gleichgewicht der Waffe ermöglicht. Geht man von einem gleich langen Klingenblatt aus (also dem Teil, der nicht durch die Glocke gedeckt wird), hat der französische Fechter jedoch die Möglichkeit zu einem unfairen Trick: Er kann die Waffe ganz hinten fassen, und hat damit praktisch eine längere Waffe als sein Gegner! Gerade im Degen, bei dem viel mit Gegenangriffen gearbeitet wird, ist das ein signifikanter Vorteil.


Diese Diskussion wurde natürlich auch zu der damaligen Zeit schon geführt. Agesilao Greco argumentiert dafür, die Gesamtlänge des Degens als Maß zu nehmen. Damit hätte der Franzose zwei Optionen:


Hält er die Waffe regulär, profitiert er von einem ausgewogeneren Gleichgewicht als der Italiener, zahlt dafür aber mit einer geringeren Reichweite.

Hält er die Waffe am Ende, schließt er an Reichweite mit dem Italiener auf, verliert aber in den Kategorien Handschutz und Balance.


Ein französischer und ein italienischer Degen nebeineinander. Beide sind exakt gleich lang.
Übersetzung: "Der Italiener und der Franzose sollten gleicher Länge sein, gemessen vom Knauf bis zur Spitze."

Dieser Vergleich zwischen den Waffen lässt uns die Eigenschaften des italienischen Degens besser interpretieren. Die italienischen Stosswaffen sind auf Reichweite ausgelegt. Sie stecken ihre Länge lieber in das Klingenblatt als in das Gefäß. Als Preis dafür zahlen sie mit einem ungünstigeren Schwerpunkt, der beim Italiener meist 3-4 Finger vor der Glocke liegt.


Heute ist dieser Vorteil eher geschichtlich als praktisch von Interesse, da beide Waffen die selbe moderne Sportklinge mit 90 cm Blattlänge verwenden.


Die Spada da Terreno im Gefecht

Waffe und Fechtweise waren schon immer fein aufeinander abgestimmt, und für dieses Modell ist es nicht anders. Der große Handschutz, aber auch der Schwerpunkt und die Reichweite der Waffe erlauben die typisch italienische Degenfechtweise.


Wenn man sich einmal mit der Fechtweise aufs erste Blut vor der Entwicklung des neuen Glockendegen auseinandersetzt, dann erkennt man, dass auch die Italiener sich beim Wechsel vom Florett auf die scharfe Waffe (oder auch nur die neue Degenfechtweise im Sport) umstellen mussten. Ihr Degen unterschied sich kaum vom Florett - dem kleinen Handschutz eingeschlossen. Um z.B. nun die Hand und den Unterarm effektiv vor Stößen zu schützen, wurde es notwendig, den Arm mehr zu beugen. Viele Einladungen und Bindungen waren nicht mehr zu empfehlen [7]. Musste man sich im Duell stellen, so war es Gewohnheit, sich vorher in ein paar gut bezahlten Einzel-Lektionen diese Abweichungen noch beibringen zu lassen - Fechten selbst konnte man ja schon (zumindest in der Idealvorstellung). [5]


Die neue Waffe gibt der italienischen Fechtweise ihre Charakteristik, zumindest was die Fechtstellung betrifft, zurück. Die Hand ist geschützt und kann weit vor zum Gegner gestreckt werden. Steht dieser nicht in klassisch horizontal gestrecktem Lager, wird die eigene Spitze stets auf die nächstgelegene Trefferfläche, auf den Waffenarm gerichtet. Das ist ein raffinierter Trick: Dadurch, dass wir unseren Arm gestreckt halten, muss der Gegner einen Winkel bilden, um unseren Arm zu treffen. Sobald er aber einen Winkel bildet, entblößt er dadurch seinen eigenen Arm, der von uns bereits bedroht wird und nun seinerseits angegriffen werden kann. Da wir selbst keinen Winkel bilden, haben wir dabei sogar noch einen Reichweitenvorteil. Auf diese Weise kann man auch den gestreckten Arm vor Angriffen schützen.



Ein italienischer Fechter greift einen französischen Fechgter an der Hand an, da diese durch die Haltung weit hinten exponiert ist.
Linie gegen einen französischen Fechter. Man beachte, wie der Griff weit hinten die Hand exponiert.

Motivation und Daten

Wenn wir unseren Sport, das klassische Fechten, wieder populär machen wollen, müssen wir die Einstiegshürde verringern. Trainer, die eine eigene Fechtgruppe aufbauen möchten, sollten sich damit nicht schwerer tun, als einen beliebigen anderen Sportverein zu gründen. Dazu gehören auch qualitativ hochwertige, authentische Fechtwaffen, und eine gesicherte Bezugsquelle derselben.


Wer sich für das italienische Degenfechten um 1900 interessiert, der hat da erstmal ein Problem: Es gibt keine zufriedenstellenden Waffen. Alle derzeit verfügbaren Modelle haben ein oder mehrere Probleme:


  • Sie sind nicht authentisch.

  • Sie sind nicht sicher, z.B. durch herausragende Schraubköpfe auf der Glocke, die die Klinge brechen können.

  • Sie sind nicht erschwinglich - akzeptable Waffen gehen für $400 über den Tresen und sind in Europa gar nicht verfügbar.

  • Sie sind aus Plastik und Alu.

  • Ihr Nachschub kann mittelfristig nicht garantiert werden, da ihre Produktion meist an einer einzelnen Person hängt.


Mit der Veröffentlichung meiner Baupläne und vor allem meiner 3D Modelle möchte ich dem zumindest symbolisch entgegenwirken. Die Entwicklung, über das Einarbeiten in ein 3D Programm, Recherche, Prototypen, Experimente, hat mich ein Jahr Arbeit gekostet. Computeraffinität war dafür ebenso nötig wie Fremdsprachenkenntnisse und handwerkliches Geschick. Mit den Plänen und Modellen ist der Aufwand auf das Mechanische beschränkt. Einmalige Kosten für Werkzeug ist für einen Verein machbar, vor allem wenn dieser danach im Stande ist, dauerhaft hochwertige Waffen zu einem akzeptablen Preis herzustellen. Und wenn ein professioneller Waffenschmied einmal auf die Pläne und Modelle aufmerksam werden sollte, dann steigt die Verfügbarkeit von guten Fechtwaffen nur.


Die Baupläne und Modelle wird die Classical Academy of Arms auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung stellen. Bis es soweit ist, können diese auch bei mir angefragt werden.

Element

Original [1][2]

Reproduktion

Gesamtlänge

110 cm

108 cm

Klingenlänge

92 cm

90 cm

Gewicht

"etwa 600 g"

580 g

Länge Ricasso

4-5 cm

4,5 cm

Glocke Durchmesser

13 cm

13 cm

Material

Glocke, Parierstange und Knauf aus Stahl, Griff aus Holz oder Aluminium, Glockenpolster aus Leder mit Rosshaar gefüllt.

Glocke aus Stahl, Parierstange und Knauf aus Stahl-Bronze bzw. Edelstahl, Griff aus Holz mit Rochenleder überzogen (typisch für italienische Waffen im Allgemeinen), Glockenpolster aus Leder mit Rosshaar gefüllt.

Schwerpunkt

Keine Angabe, italienische Florette jedoch einheitlich bei 3-4 Fingern vor der Glocke

3 Finger vor der Glocke



 

Quellen

  1. Agesilao Greco, "La spada e la sua disciplina d'arte", 1912

  2. Aurelio Greco, "La spada e la sua applicazione", 1907

  3. Claude la Marche, "L'épée", 1898

  4. Giordano Rossi, "Manuale teorico-pratico per la scherma di spada e sciabola", 1885

  5. Morelli Ercole, "Lame incrociate: Scherma e duello", 1904

  6. Athos di San Malato Staiti, "Principio teorico della scherma di spada e centralizzazione dell'arma al braccio", 1908

  7. Masaniello Parise, "Fencing on the ground", Übersetzung von C. A. Holzman, 1904

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