Warum Du nicht parieren solltest

Aktualisiert: 2. Nov.

Nicht parieren? Ist das nicht ein Widerspruch zur Fechtkunst an sich? Immerhin stammt der Begriff des Fechtens in den großen Fechtnationen Italien ("Schermire"), Frankreich ("Escrime") und Spanien ("Esgrima") vom deutschen Begriff "Schirmen", also "Abwehren" ab. Schon der Wortstamm legt damit den Fokus auf das Nicht-Getroffen-Werden, auf die Parade. Und es ist ja gerade eine der großen Neuerungen des Degens verglichen mit dem Rapier, dass die Waffen nun leicht und schnell genug sind, um mit Parade-Riposte zu reagieren.


Gegenangriff in der Rapierschule nach Giganti, 1606
Die italienische Rapierschule - kein großer Fan der Parade.

Das richtige Werkzeug für den Job


Ich möchte hier einmal ein Gedankenexperiment anregen. Lasst die Parade kein integraler Bestandteil der Fechtkunst sein - eher ein Werkzeug, dass sich nicht wesentlich von den anderen Werkzeugen wie Battuta, Umgehungsstoß oder dem Schritt rückwärts unterscheidet. Diese Sichtweise liefert uns - vielleicht überraschend - Antworten auf Probleme, denen wir in der Praxis oft gegenüberstehen.


Jedes Werkzeug hat sein Anwendungsgebiet. So können wir einen Klingenschlag nur dann ausführen, wenn wir die Möglichkeit haben, die Klingen in einem ordentlichen Winkel zu kreuzen. Für uns bedeutet das, dass wir eine Battuta nur dann ausführen, wenn der Gegner uns ein "hohes Lager", eine gewinkelte Klinge bietet. Tut er das nicht, nutzen wir andere Werkzeuge, wie beispielsweise die Druckbindung.


Was ist die Voraussetzung für eine Parade? Oberflächlich können wir sie immer ausführen wenn der Gegner uns angreift. Aber gerade bei unerfahrenen Fechtern kommen die Stöße oft so, dass wir zwar ein unmittelbares Getroffenwerden verhindern können, unseren eigentlichen Plan (nämlich die Parade-Riposte) aber nicht mehr ausführen können. Beispiele sind Stöße die eigentlich außerhalb unserer Trefffläche landen würden. Eine Parade würde eine weite Bewegung erfordern, die kostet Zeit und die Riposte kommt dann zu spät. Ein stark gewinkelter Stoß unseres Gegners hat den selben Effekt. Oder wie wär's mit einer Finte, die kaum bedroht und schon umgeht? Wie oft geht man unbedacht auf eine solche inkorrekte Finte ein, nur um das gegnerische Eisen dann doch nicht zu finden und überhastet eine zweite Parade anzuhängen?


Die Parade dient der Vorbereitung zur Riposte. Sie ist ein Werkzeug, dass zur Anwendung kommt, wenn der Gegner uns nach den Regeln der Kunst angreift.


Und das ist auch die Verbindung von der Theorie zur Praxis. Gerade unsaubere Fechter oder solche mit wenig Fechterfahrung greifen uns oft mit technisch unsauberen Stößen an. Solche Gegner stellen uns nicht selten vor ungewohnte Probleme: Die Angriffe sind schwerer zu parieren, weil sie einfach ganz anders kommen als wir sie vom Training gewohnt sind. Sehr oft wurden sie - unbewusst - gezielt in diese Richtung modifiziert: Um mit höherer Wahrscheinlichkeit an einer Parade vorbeizukommen.


Die Lösung ist für einen solchen Fechter also tatsächlich, von der Parade gar keinen Gebrauch zu machen. Sie ist dort ein Werkzeug, dass im Kontext nicht angewandt werden kann. Stattdessen ermöglichen uns unkonventionelle Angriffe andere, viel einfachere Werkzeuge! Welche diese sind, muss von Gegner zu Gegner, von Technikfehler zu Technikfehler neu evaluiert werden. Aber wenn mein Gegner mit stark gewinkelter Klinge angreift, kann ich mir überlegen, ihm einfach durch einen gestreckten, geraden Stoß aus maximaler Reichweite zuvorzukommen. Stößt er vorbei, kann ich ebenso einfach selbst angreifen - denn wo ich nicht bedroht bin, hält mich davon auch nichts ab. Und wenn der Gegner seine Finte nicht realistisch macht und auch nicht auf meine Reaktion wartet, da muss ich ihm auch keine geben. In der Regel "pariert" sich mein Gegner dann selbst, da meine Klinge sich zum Ende seiner Finte nicht dort befindet, wo er sie erwartet.


In dieser Philosophie bleibt die Parade guten, sauberen Gegnern vorbehalten. Sie zwingen uns gewissermaßen zu einer Parade, indem sie uns keine alternative Möglichkeit zur Abwehr ihres Angriffs erlauben (das Brechen der Mensur einmal ausgeklammert). Gerade das macht aber die Parade bei ihnen einfacher, denn die Parade ist nun das richtige Werkzeug für diese Situation. Und auf einen solchen sauberen Angriff sind wir in unzähligen Fechtstunden vorbereitet worden. Hier können wir mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit eine Parade-Riposte anbringen.


Wir haben die Dynamik des Gefechts geändert. Nicht mehr der Gegner zwingt uns zu parieren. Wir zwingen den Gegner, sauber zu fechten. Und geben der Parade-Riposte ihr gefährliches Potenzial zurück.


Ein Ausflug in die italienische Fechttheorie

Portrait von Luigi Barbasetti mit Degen
Luigi Barbasetti

Viel besser und eloquenter als ich das könnte beschreibt Barbasetti 1899 die Philosophie "die beste Parade ist der Angriff" [1][2]. Denn die ursprüngliche italienische Fechttheorie birgt eine weitere Überraschung für uns: In ihrem Ideal existiert die Parade überhaupt nicht!


Das kommt daher, dass der einfache Stoß in der Theorie bereits unparierbar ist. Er wird aus der perfekten Mensur, zum perfekten Zeitpunkt mit perfekter Technik genommen und muss daher treffen. Nun ist es aber so, dass der perfekte Stoß in der Praxis fast unmöglich ist. Die alte italienische Rapierschule argumentierte daher: "Wenn der Gegner mich mit einem Stoß angreift, dann ist die Parade absurd, denn sie existiert in der Theorie nicht außer für mangelhafte Angriffe. Da ich auf diese Mängel in der Praxis jedoch zählen kann, ist der Gegenangriff die bessere Alternative, denn mit ihm bezwecke ich nicht nur, dass ich nicht getroffen werde, sondern ich treffe im Gegenzug auch noch meinen Gegner."


Die neuere italienische Fechttheorie baut auf dieser Theorie auf, macht aber mehr Zugeständnisse an die Praxis. Die Parade wird zu einem wichtigen Teil des Gebildes, bleibt in ihrem Kern jedoch ein "Korrektiv", etwas, ohne das es in der Praxis nicht geht, dass jedoch nicht für sich existieren sollte. Der italienische Fokus liegt auf dem Angriff. Und die folgende Offensive sollte auch in der Defensive der leitende Gedanke sein.


In der italienischen Fechttheorie ist es damit mehr als ratsam, die Parade als letztes Mittel der Wahl zu sehen und stets zu prüfen, ob der Gegner mir durch fehlerhafte Technik nicht die bessere Alternative des (Gegen-)Angriffs erlaubt.


Was bedeutet das für die Praxis?


Für mich ist die erste Implikation dieser Theorie, die gegnerischen Fehler aktiv auszunutzen.


Dafür müssen wir diese zuerst einmal zuverlässig erkennen. Hier wird die erste Phase des Gefechts wichtig, in der ich noch nicht versuche, meinen Gegner anzugreifen, sondern erstmal, ihn besser kennenzulernen. Hier heißt es: Nicht getroffen werden durch zurückweichen; Paraden nur, um die Reaktion des Gegners auf die selben auszuforschen. Wo weicht der gegnerische Angriff vom Ideal ab? Welche Möglichkeiten zum Gegenangriff bieten sich mir dadurch?


Mit diesem Wissen kann ich dann die zweite Phase des Gefechts angehen. Gegen einen geschulten Gegner werde ich die Parade-Riposte erfolgreich zur Anwendung bringen können. Einen fehlerhaft agierendem Gegner werde ich gar nicht zum Abschluss seines Angriffs kommen lassen. Gegen ihn werde ich entweder ohne Parade zurückweichen - oder im richtigen Moment einen Gegenangriff setzen.


 

Quellen:

  1. In "Das Säbelfechten", 1899, beschreibt Luigi Barbasetti sehr gekonnt die Grundlage seiner Fechtkunst (Seite 17ff).

  2. Die Verbindung der neueren italienischen Fechttheorie zur alten finden wir in einem anderen, von Barbasetti veröffentlichten Artikel: "The best parry is the blow".

Vielen Dank - wir freuen uns über Dein Interesse!