Der gewiefte Teil-Naturalist

Aktualisiert: Mai 1

Der Gedanke zu diesem Thema kam mir beim Studieren eines italienischen Fechtbuchs… Inspiriert durch die Frage: Als Fechter lernt man mit einem Gegner umzugehen, der ihm genauso gegenübersteht, wie er ihm. Dieselbe Stellung. Dasselbe Aktionsreportoire. Dieselbe Fechtschule. Was ist nun, wenn ein italienisch ausgebildeter Fechter einem französischen Fechter gegenübersteht? Haben die Fechtmeister damals, als sich die nationalen Fechtschulen noch tatsächlich unterschieden, diesen Fall zu Ungunsten ihrer Fechter einfach ignoriert? Wären mehr spezifische Anweisungen gegen Gegner der anderen Fechtschule notwendig gewesen (meist beschränken sich die Anweisungen auf kurze Nebensätze oder maximal ein Anhang am Ende)? Ganz generell: Was mache ich, wenn ich einem Fechter einer mir unbekannten Fechtschule gegenüberstehe? Und das ist der Punkt, an dem es auch für den fechterischen Alltag im eigenen Sportverein interessant wird: Kann ich diese Überlegungen auf Teil-Naturalisten übertragen?

Eine Sammlung ungewöhnlicher und fehlerhafter Fechtaktionen aus einem alten Fechtbuch.
Eine Auswahl an ungewöhnlichen Fechtpositionen.

Zuerst einmal die Frage: Was verstehe ich unter einem Teil-Naturalisten? Ein Naturalist, das dürfte bekannt sein, ist ein Fechter, der ohne jegliche Ausbildung ficht. Sie sind freilich unberechenbar, jedoch i.d.R. keine ernstzunehmende Gefahr – ein Testament dazu bietet das Fechtbuch unseres Fechtmeisters Sigi: Knapp 100 Seiten sind notwendig, um eine Zusammenfassung der Fechttechniken gegen einen ausgebildeten Fechter zu geben. Gegen Naturalisten genügen 2 Sätze am Ende: In Second-Stellung gegenübertreten – schnell ripostieren. Ein Teil-Naturalist ist prinzipiell ein ausgebildeter Fechter. Jedoch weicht er in dem einen oder anderen Punkt drastisch von seiner Ausbildung ab. Jetzt beginnt ein Teufelskreis: Die Fechter, denen er gegenübersteht, sind nicht auf diese Abweichung vorbereitet, dadurch hat er erst mal Erfolg. Das freilich bestärkt ihn in dieser „Technik“, und er wendet sie immer öfter an. Sie wird Teil seines Fechtstils, der nur schwer wieder loszuwerden ist. Besonders unter Anfängerkursen tritt dieses Phänomen oft auf. Man trifft immer wieder mal auf solche Fechter.


Ein solcher Fechter läuft erst auf, wenn er gegen sehr erfahrene Fechter antritt. Und was diesen erfahrenen Fechter von seinen Vorgängern unterscheidet ist – neben einem selbstverständlich höheren Erfahrungspotenzial – mehr theoretisches Wissen über die eigene Fechtschule. Und hier schließt sich der Kreis zur Frage „was tue ich, wenn ich einer unbekannten Fechtschule gegenüberstehe“. In beiden Fällen hilft mir ein tiefgehendes Wissen über die eigene Fechtschule dabei, andere Schulen oder „seltsam“ agierende Fechter zu bezwingen. Denn wenn ich exakt weiß, warum ich eine Technik wie ausführe, dann weiß ich auch, welche Probleme es mit sich bringt, wenn ich mich nicht daran halte. Oder anders gesagt: Wenn mein Gegner davon abweicht. Im Freigefecht gibt mir das eine Werkzeugkiste in die Hand, die ich gegen diesen Gegner anwenden kann.


Fechtwissen zur Rettung


Wenn man sich unsere Techniken ansieht, dann kann man die Komponenten, aus denen sie bestehen, in zwei Kategorien einteilen: Es gibt Details, bei denen ich mir selbst schade, wenn ich sie nicht anwende. Und es gibt Details, bei deren Nicht-Anwendung ich meinem Gegner helfen würde.


Abweichungen, mit denen ich mir selbst schade, sind nur limitiert von taktischer Bedeutung. Beispiele dafür sind das Zurückwerfen des Schwungarms beim Ausfall. Lässt mein Gegner das aus, mag mir das auffallen, aktiv ausnutzen lässt es sich jedoch nur schwer. Der Gegner verlangsamt seinen Ausfall ein wenig und kommt schwerfälliger wieder hoch. Es schadet ihm also, aber es spielt keine Rolle, ob mir dieser Nachteil zu meinen Gunsten aktiv bewusst ist. In dieselbe Kategorie fallen z.B. eine Innenstellung der Füße in der Fechtstellung oder wenn das Standbein in der Fechtstellung nicht mit der Ferse auf der Gefechtslinie steht.


Abweichungen, die dem Gegner helfen, sind interessanter, und meistens die, die uns bei unkonventionellen Fechtern aus dem Konzept bringen. Nehmen wir als Beispiel einen Fechter, der den Arm beim Ausfall angezogen behält, und erst kurz vor (oder sogar nach) dem Ausfall den Arm streckt. Sie sind schwierig zu parieren, weil die Klinge für eine saubere Parade erst ganz am Ende in Position wäre. Wissen wir jedoch, dass wir den Ausfall u.a. auch deswegen mit dem Strecken des Arms einleiten, um eine saubere Deckung zu behalten, können wir implizieren dass ein möglicher Gegenangriff das Ausnutzen dieser fehlenden Deckung nutzen könnte. Es bietet sich bei einem solchen Fechter daher ein Aufhaltstoß auf den Arm oder die Hand an. Ein anderer Fechter pariert zwar stets nur einmal, aber immer so, dass seine Spitze dabei auf unsere Nase gerichtet ist. Das ist eine Katastrophe für unsere Finten, denn selbst wenn er auf die Finte hineinfällt, nach der Umgehung würden wir in seine Waffe stürzen. Er verletzt das Prinzip, dass die Klinge bei der Parade nicht nach innen gerichtet sein soll (Terz und Second sind hier Gratwanderungen, bei deren Durchführung man stark aufpassen muss). Dieses Prinzip besagt, dass wir die Klinge des Gegners nur bei einer Bindung nach außen oder zumindest geradeaus richtig beherrschen können. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass wir bei unserem Gegner mit der nach innen gerichteten Spitze schlicht seine erste Parade abwarten können, und dann blitzschnell durch Druck nach innen die Kontrolle über seine Klinge erlangen und einen Gleitstoß nachsetzen können.


Bleibt noch eine letzte Frage zu klären: Was, wenn meinem Gegner die Problematik seiner Abweichungen bekannt sind, und er diesen Nachteil durch eine andere Maßnahme kompensiert? Und die Probleme, die diese Maßnahme mit sich bringt ebenfalls durch eine weitere Maßnahme ausgleicht? Findet sich in dieser kompletten Kette keine Problematik ohne passende Antwort, dann haben wir im Prinzip eine eigene Fechtschule vor uns. Diese Überlegung ist allerdings eher theoretischer Natur, denn diese Aufgabe wäre extrem komplex – es ist wesentlich einfacher, seine abweichende Technik einfach zurück zur Standardausführung zu bringen. Im Übrigen würde auch hier der genannte Analyseansatz greifen. Zumindest gibt er uns vor, welche Angriffe erfolgsversprechend sein könnten – die Maßnahme dagegen muss dann vorsichtig ausgeforscht, und in die eigene Fechttaktik eingearbeitet werden.


Eine Empfehlung…


Was mir zum Schluss noch bleibt, ist die Recherche in Fechtbüchern zu empfehlen. Auch wenn es nicht einfach ist, solche Analysen im laufenden Gefecht durchzuführen, im Nachhinein analysiert geben sie uns wertvolle Mittel für die Revanche. Besonders zu empfehlen sind gute moderne Fechtbücher, da diese sich oft sehr detailliert dem „Warum“ der Techniken widmen. Und natürlich die historischen Bücher zu eurer entsprechenden Fechtschule.

Vielen Dank - wir freuen uns über Dein Interesse!