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Das Problem des klassischen Degenfechtens

Aktualisiert: 2. Sept. 2023

Als das Degenfechten um 1880 entwickelt wurde war das eine Revolution. Conte de Chatauvillard gelang es nur ein paar Jahrzehnte früher, die Praxis des Duells nachhaltig zu verändern... Sein "essai sur le duel" markiert den Start des Siegeszuges des Duells aufs "erste Blut" [1]. Die alte Fechtweise, einen potentiell gefechtsbeendenden Stoß tief bis zur Brust des Gegners tragen zu müssen, wurde für die meisten Duelle langsam aber sicher obsolet. Die Franzosen erkannten das als erste, umso mehr, als sich ihre Florettfechtweise auch vorher schon Stück für Stück vom Ernstfall auf dem Kampfplatz entfernt hatte. Ein neuer - ein radikal neuer - Ansatz musste her! Die Franzosen entwickelten das Degenfechten.


Ein Fechter setzt einen Arrêtstoß auf den Arm eines angreifenden Fechters.
Eine klassische Aktion des Degens - Arrêtstoß auf den Arm.

Die Fechtweise wurde drastisch vereinfacht. Die komplizierten Florettaktionen waren Geschichte. Ja, selbst die tiefen Treffflächen nahmen plötzlich eine untergeordnete Rolle ein: Ziel waren von nun an primär die Arme. Beine auch, Angriffe darauf wurden jedoch mit Vorsicht genossen, denn sie öffneten die eigene Trefffläche zu stark. Der Kopf nahm eine Sonderrolle ein: Um nicht wieder auf den Weg des Florettfechtens abzudriften, dessen Regeln für den Fall des Florettfechtens mit verantwortlich gemacht wurden, erlaubte man auch Angriffe auf eben diesen - auch wenn der Gentleman der Zeit angehalten wurde, auf direkte Angriffe ins Gesicht zu verzichten [2]. Paraden verloren signifikant an Wert, soweit, dass manche Meister sie gänzlich optional lehrten, und als "Spezialaktion" auf eine oder zwei davon begrenzten. An ihre Stelle traten die Gegenangriffe und Arrêtstöße in ihrer für den Degen typischen Form. [3]


Bedingt durch den Kontext entwickelte sich eine komplett eigenständige Fechtweise. Andere Ziele, andere Vorgehensweise. Und eine Variante, die explizit mit der Realität des Duells im Fokus entwickelt wurde! Wenn das nicht wert ist, gelernt und gelehrt zu werden!


Fallstrick Sicherheit

Lasst einmal folgendes Bild auf euch wirken. Es stammt vom italienischen Maestro Agesilao Greco, 1912, und zeigt einen Angriff auf den Unterarm bzw. auf das Handgelenk.


Ein Fechter greift einen anderen Fechter am Unterarm an.
Angriff auf den Unterarm / Handgelenk gegen einen Linkshänder.

Der Fechter links führt einen Stoß auf das Handgelenk außen, nach einer Battuta nach innen. Wichtig zu bemerken ist, dass beide Fechter im gestreckten Lager stehen - etwas, das für die Italiener immer schon typisch war, im Degenfechten jedoch auch von den Franzosen mehr oder weniger stark übernommen wurde. Würden wir diesen Stoß heute so anwenden, würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit fehlschlagen. Warum?


Die Antwort ist: Wenn wir diese winzige Trefffläche im Gelenk nicht treffen, werden wir fast immer mit der Spitze abrutschen. Ob der Stoß mit scharfen Waffen arretiert hätte oder nicht lässt sich kaum feststellen.

Eine Fangspitze auf einer Degenklinge
Die Urform der Fangspitze.

Nun, dieses Problem ist nicht neu - damit mussten sich die Meister schon 1880 herumschlagen. Und sie konnten das Problem in der Tat lösen: Mit Arrêtspitzen! [4] Dabei handelt es sich um eine modifizierte Spitze des Degens. Statt flach zu enden, besitzt die Waffe nun eine oder mehrere kleine Zinken. Die reagieren wie eine scharfe Waffe, denn im Prinzip machen sie aus dem Degen nichts anderes. Sie verhindern das Abrutschen bei einem korrekten Stoß. Mit diesen Fangspitzen war das Degenfechten wie im Duell damals überhaupt erst möglich. Denn ohne dieses Hilfsmittel müssen wir einen starken Winkel mit der Waffe herstellen, das bedeutet in der Regel über einen Winkelstoß. Der öffnet die eigene Trefffläche weit, nimmt uns Reichweite, die wir gerade beim Degenfechten unbedingt brauchen, und wurde damals oft als ein schwerer technischer Fehler kritisiert.


Also ran an die Arrêtspitzen und Problem gelöst? Kaufen kann man sie ja auch heute noch... [5]


Eine spätere Form der Arrêtspitze
Spätere Form der Arrêtspitze.

Leider nein. Die Fangspitzen sind ein ernsthaftes Sicherheitsrisiko, und die Sicherheit der Fechter sollte bei jedem Verein und für jeden Trainer an oberster Stelle stehen. Wo die Fangspitze wider aller Erwartungen doch die blanke Haut berührt, da reißt sie alles auf. Die Fechtkleidung selbst trägt ebenso enormen Schaden davon. Und dass die irgendwann nicht mehr schützt ist ein zu hohes Risiko.


Übrigens wurden die Fangspitzen damals manchmal auch mit einem Farbtupfer am Ende kombiniert. Ein Treffer hinterließ dadurch eine deutliche Markierung. Daher kommt auch der im Sport heute geläufige Begriff der "Punkte". Für den Fechtalltag praktikabel ist auch das nicht. Die Flecken müssen zwischen den Gefechten wieder entfernt werden. Damals nutzte man dazu Essig - was wiederum die Fechtkleidung angreift und auch vom Geruch nicht jedermanns Sache ist.


Fallstrick Ausrüstung

Liebäugelt man mit der französischen Fechtweise, kann man diesen Absatz getrost überspringen. Zieht es einen jedoch zur italienischen Fechtweise, hat man auch hier ein Problem. Die italienische Fechtweise baut auf dem italienischen Degen auf. Dieser wird heute schlicht nicht mehr authentisch hergestellt, auch wenn gute Annäherungen existieren. Denn der authentische, italienische Degen besitzt als erstes Degenmodell überhaupt... eine versetzte Glocke!


Italienischer Degen mit versetzter Glocke.
Ursprung der versetzten Glocke - der italienische Degen.

Repliken besitzen heute stets eine mittig durchdrungene Glocke. Das mag vernachlässigbar klingen, hat aber durchaus Implikationen für die Fechtweise. Denn dadurch wird eine Seite der Hand und des Arms besser gedeckt, auf Kosten der anderen Seite. Mein Gegner wird damit andere Angriffe bevorzugen. Die Wahl der Waffe hat also einen echten Einfluss auf die Fechtweise - eine Beobachtung, die auch Alberto Cougnet schon machte: Er leitet die Grundlagen der französischen und italienischen Florettfechtweise komplett aus dem unterschiedlichen Aufbau der Fechtwaffe ab. [6]


Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Interessanterweise hatte die radikale Änderung der Fechtweise, vor allem aber die Abschaffung des Angriffsrechtes, schon damals einige... Nebenwirkungen. Hatte man als Ziel eine präzise Simulation des Duells, wurde gerade die Absenz des Treffervorrechts genutzt, um zu punkten - ohne Rücksicht auf den Ernstfall. Mehrere Fechtmeister der Zeit beklagen diesen Umstand. Die Rimesse, also das Nachsetzen des parierten Stoßes nach erfolgter Parade wenn der Gegner sich zur Riposte löst, ist ein Paradebeispiel dafür: Denn die Treffer fallen oft so schnell hintereinander, dass es auch dem besten Kampfrichter schwerfällt, festzustellen, wer denn als erster getroffen habe. Also nutzt man Abkürzungen: Die Spitze des Fechters bei der Rimesse ist näher am Gegner als die Spitze der parierenden Waffe. Entsteht aus dieser Situation ein Doppeltreffer, geht man davon aus, dass die Rimesse schneller war - was praktisch nicht immer der Fall ist. Das Resultat: Zu viele, zu riskante Rimessen... [7]


"All the foregoing has completely overturned the traditional tactics of assault, by reversing the fundamental principles of swordplay in favour of the weaklings in the art of fencing." Luigi Barbasetti, 1936

Die Erkenntnis daraus: Man kann sich dem Duell nur in gewissem Maße annähern. Eine Erfahrung, die gerade die HEMA-Community in den letzten Jahren immer deutlicher erfahren musste. [8]


Was bedeutet das für die Praxis?

Die gute Nachricht zum Schluss. Auch wenn wir die damalige Fechtweise, ja sogar die damalige Trainingsweise, nicht komplett übernehmen können, so können wir uns ihr doch annähern.


Der Elefant im Raum ist dabei natürlich die fehlende Fangspitze. (Achtung: Wer bis hierher durchgehalten hat bekommt jetzt auch einen Tipp für die Praxis!). Zum Ausgleich... biegen wir unsere Klinge! Das ist ästhetisch natürlich nicht ganz so ansprechend und sollte sich auch in Grenzen halten, aber es erlaubt uns auch im Flachen Winkel zu Arretieren - denn die Klinge biegt sich nun in Richtung der gegnerischen Trefffläche. Von oben stoße ich in Supination, damit die Klinge sich nach unten biegt. Von unten führe ich den Angriff in Pronation aus, so dass sich die Spitze von unten annähert.


Klar, das hat Implikationen auf die Fechtweise. Die Handstellung ist jetzt vom Ziel des Angriffs fest vorgegeben. Das Waffengefühl und das Gleichgewicht verändert sich etwas. Aber verglichen mit der Alternative, riskante Winkelstöße ausführen zu müssen, sind das deutlich bessere Alternativen.


Auf eine Florettklinge sollten wir beim Degenfechten verzichten. Oder anders formuliert: Mit einer Florettklinge sollten wir auch nur auf die Treffflächen Rumpf und vielleicht Kopf und Beine gehen. Die Klinge biegt sich zu leicht um auf einer schwierigen Fläche wie dem Arm zu arretieren - was übrigens auch ein Hauptgrund ist, warum damals die Klinge auch für die Übungswaffe auf Dreikant gewechselt wurde.


Und zu guter Letzt können wir uns ein Vorbild der damaligen Meister für den Ort der Gefechte nehmen. Die Gefechte haben damals wann immer möglich draußen stattgefunden - auf natürlichem Boden, wie man ihn auch im Duell vorgefunden hätte. Das schließt riskante Beinarbeitsmanöver, Flêche, moderne Sportfechter-Beinarbeit ("hopsen") so ziemlich aus. Und bringt uns damit ein ganzes Stück näher an das ursprüngliche Ziel des Degenfechtens:


Die Simulation des Duells...

 

Quellen:

  1. "Essai sur le duel", 1836, Conte de Chatauvillard. Zwar waren Duelle aufs erste Blut auch davor schon möglich, oft waren sie jedoch von der Gutmütigkeit des Gegners oder dem subjektiven Empfinden der Sekundanten abhängig. Erst in einen Kodex gegossen kann man sich darauf verlassen und seine Fechtweise in diese Richtung spezialisieren.

  2. Ein Beispiel eines solchen Pioniers der Degenfechtweise ist Claude la Marche. Sein 2. Werk "L'épée", 1898, ist auf jeden Fall ein oder mehrere Blicke wert.

  3. "La spada e la sua d'arte", 1912, Agesilao Greco. Die Italiener brauchten länger, um sich mit der neuen Disziplin des Degenfechtens anzufreunden. Die Greco-Brüder stechen hier hervor, weil sie - anders als die meisten italienischen Meister der Zeit - den Degen als komplett eigenständig betrachtet haben und eine neue Fechtweise für ihn entwickelten. Sie sind auch die Väter des italienischen Duelldegens.

  4. Ein ausführlicher Blogartikel zu Arrêtspitzen findet sich hier. Auch die Veränderung der Fangspitzen über die Zeit kann man dort gut nachvollziehen.

  5. https://benjaminarms.com/product/point-darrets/. Auch wenn Benjaminarms' Waffen fabelhaft sind - aus den bereits genannten Gründen rate ich nicht zu einem Kauf der Arrêtspitzen...

  6. "La Scherma di Spada", 1894, Alberto Cougnet.

  7. "The Art of the Sabre and the Épée", Luigi Barbasetti, 1936. Interessanterweise äußert er seine Kritik gerade in dem Kapitel über den Degen...

  8. "HEMA is dead". Russ Mitchell trifft das Problem, oder besser die Entwicklung der HEMA-Szene auf den Punkt. Tatsächlich befand sich HEMA vor einigen Jahren dort, wo sich der Degen 1880 befand - und scheint gerade langsam aber sicher den Weg des Sportfechtens zu gehen.

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