Italien entdeckt das Degenfechten


Ein griechischer Soldat reicht einem Atleten einen italienischen Degen.

In den vergangenen Artikeln habe ich viel über das Florett geschrieben. Tatsächlich hielt sich die Florettfechtweise auch als Vorbereitung zum Duell sehr lange in Italien - was sicher daran liegt, dass das italienische Florettfechten von Grund auf duelltauglicher war als andere Fechtschulen. Wie schwer sich das "aufs erste Blut" spezialisierte Degenfechten in Italien tat, lässt sich schon daran erkennen, dass bis ins 20. Jh. hinein regelrecht "Aufklärungsarbeit" und Werbung für diese "neue" Fechtweise betrieben wurde. Heute schauen wir uns einen solchen Artikel an, veröffentlicht 1912 im italienischen Fechtmagazin "La Scherma Italiana" [1].


Der Autor bemängelt zu Beginn das fehlende Verständnis der alten Meister im Bezug auf die neue Fechtweise. Er geht dann dazu über, die Probleme der Florettfechtweise im Ernstfall eines Duells darzulegen. In dieser Passage muss man sich bewusst sein, dass sich die Art des Duells seit der Entwicklung der Florettfechtweise (die ursprünglich schlicht "Scherma di Spada", also Fechtkunst des Schwertes genannt wurde), grundlegend geändert hatte. Eine leichte Verwundung genügte nun - dies erforderte eine Anpassung der Fechttechnik, die das Florett jedoch nie vollzog. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte sich die neue Fechttechnik, die wir heute schlicht als "Degenfechten" bezeichnen.


Schließlich legt der Autor die wichtigsten Unterschiede zwischen der neuen und der alten Schule dar. Diese Passage ist vor allem für Fechter interessant, die Fechtweisen von vor 1880 trainieren - und somit eine Zeit studieren, in der vereinfacht gesprochen nur das Florett unterrichtet wurde.


Zu guter Letzt stellt sich der Autor die Frage, ob nun eine Fechtweise der anderen überlegen sei, und ob die eine besser als die andere sei - und versucht sich an einem Kompromiss. Es versteht sich von selbst, dass sich in den Folgeausgaben auch Florettfechter zu Wort melden und vehement die Gegenmeinung vertreten. Ohne weitere Verzögerungen - hier ist der Artikel. Viel Spaß beim Lesen!

Ein italienischer Degen im Hintergrund, ein italienisches Florett im Vordergrund
Vorne die alte - hinten die neue Waffe
 

Fechten im Saal oder wie im Duell? [2]


Es ist in der Schule des ausgezeichneten Maestro Ruggero Tiberini, der den Fechtern von nah und fern, mal mehr mal weniger bekannt ist, in der ich diese bewundernswerte Art des Fechtens zu schätzen lernte, und ich verstand durch spätere Erfahrung mehr und mehr den wahren und klaren Unterschied zwischen dem Fechten im Saal und dem Fechten wie im Duell zu erkennen.


Ein Unterschied zwischen den beiden Fechtarten ist auf den ersten Blick ersichtlich. Es ist eine Tatsache, dass das Fechten eine Quelle hat: die Individualität, die sich im Kampf durchsetzt; und es hat eine Stimme: Die Harmonie und die körperliche Kraft, die geweckt wird. Als unmittelbare logische Schlussfolgerung scheint es daher leicht zu sein, zu sagen: Die Fechtkunst, die in erster Linie auf das Ziel des Kampfes abzielt, stellt das Fechten wie im Duell dar; die Fechtkunst, die in erster Linie auf das Ziel der Harmonie und der körperlichen Stärke abzielt, stellt das Fechten im Saal dar.


Aber wenn man sich die Frage stellt, was der Unterschied zwischen den beiden Fechtweisen ist und worin er besteht, erscheint er nicht mehr so deutlich.


Einige sagen: Das alte Fechten (Fechten im Saal) ist eine Religion und die Wiedereinführung des Degenfechtens (Fechten wie im Duell) ist eine Spaltung (Marcel Prevost); andere sagen: Das alte Florett, sowohl was die Waffe als auch die Methode betrifft, stellt eine Dekadenz dar und das moderne Degenfechten eine echte Renaissance (Joseph Renaud); einige Techniker (nur von guten Absichten geleitet) fügen hinzu, dass das Degenfechten weder mehr noch weniger als eine Ableitung des Floretts ist (Carlo Pessina und Salvatore Pecoraro); die Experten hingegen antworten: Zwischen dem Degenfechten und dem Florettfechten kann es keine andere Analogie geben als die zwischen der Kunst des Harfenspiels und der des Flötenspiels; die Musik mag identisch sein, aber kann man sagen, dass das eine Instrument die Kenntnis des anderen Instruments voraussetzt oder von ihm abgeleitet ist? (Joseph Renaud). [3]


Unsere Meister beschränken sich dann in den meisten Fällen in einer groben Vereinfachung darauf, zu behaupten, dass das Fechten auf dem Duellplatz einfach als eine Handvoll Rezepte für eine Reihe spezieller Stöße verstanden werden müsse, die in den Fechtsälen für die Lektion am Vorabend eines Duells geradezu religiös aufbewahrt werden; und schließlich zögerten zahllose selbsternannte junge Fechter nicht, die komplexe und traditionelle italienische Duellfechtkunst zu verunglimpfen, indem sie diese auf ein ungehöriges, begrenztes und mehr als eintöniges und groteskes Stochern reduzierten, das einzig und allein auf den Arm gerichtet sei.


Worin besteht nun der Unterschied zwischen den beiden Fechtarten?

 

Im ersten Raum (Lektionssaal) der Schule von Ruggero Tiberini sind etwa dreißig kleine Florette und weitere dreißig normale Florette aufgestellt.


Dies sind die leichten Waffen, die für Jugendliche am besten geeignet sind, und sicherlich die geeignetsten, um die Elastizität und Komplexität der Bewegungen, die Vielfalt der Konzepte, die Vielfalt der Kombinationen und die Finesse der Fechtausführung zu entwickeln und die physiologische Entwicklung zu erleichtern und zu fördern, die den Anforderungen des modernen Sportunterrichts genügt.


Mit dieser eleganten, leichten Waffe üben die jungen Schüler eine gymnastische Fechtweise, die abwechselnd mit dem rechten und dem linken Arm ausgeführt wird, wodurch sie gleichzeitig alle Muskeln des Körpers beleben und durch die tausenden von ermüdenden Stoß- und Paradeposizionen ein schnelles Auffassungsvermögen, eine sofortige Ausführung, ein schnelles Erkennen der Gedanken des Gegners, eine Elastizität der Bewegungen, Höflichkeit und ritterliche Umgangsformen erwerben.


Aber diese Fechtweise ist, wie bereits erwähnt, vollkommen konventionell.


So wird zum Beispiel behauptet, dass die beiden Kämpfer völlig unverwundbare Köpfe, Arme und Beine hätten und dass Stöße gegen diese Körperteile daher als nichtig zu betrachten wären; es wird behauptet, dass bei jedem Angriff der Gegner zum Parieren verpflichtet sei, dass die Rimesse zu vermeiden sei, dass das Parieren oder Stoßen mit Schritt rückwärts verpönt sei, dass bei einem gleichzeitigen Angriff, wenn beide stoßen (Incontro), einer im Unrecht sein müsse und sein Stoß daher als nichtig zu betrachten sei... [4]


Was ist die Folge?


Das Gefecht, das so geführt wird, ist und muss und kann nicht anders sein, als gewiss elegant, aber auch ebenso künstlich; gewiss gewinnbringend für die Muskeln und die Elastizität, aber ebenso nutzlos und sogar schädlich für die echte Selbstverteidigung.


Ein so falsch geführter Kampf verliert zwangsläufig seine Echtheit, seine Realität und kann daher im Bedarfsfall weder zur Verteidigung noch zu einem ernsthaften, wirksamen, echten Angriff dienen. Und so kommt es, dass im Falle eines Duells der unerfahrene Fechter, der nicht weiß, wie man konventionell ficht, und es auch nicht kann, der stattdessen mit ausgestrecktem Arm geradeaus stößt und versucht, das erste und nächstgelegene Ziel zu treffen, das ihm in die Quere kommt, in der Regel erfolgreich ist, und selbst einen geschulten Fechtgegner verletzt oder zumindest selbst glimpflich davonkommt. [5]


Und um genau diese Nachteile zu vermeiden, wurde die Duellfechtweise des antiken italienischen Schwertes wiederbelebt [6], mit einer schwereren, zweckmäßigen, starreren Waffe, die jeden falschen und barocken Konventionalismus ausschließt und sich der Realität und der effektiven persönlichen Verteidigung sowie der Praktikabilität der alten, wahren und glorreichen Kunst des Duellfechtens zuwendet.


Es ist wahr, dass einige Personen, in dieser Hinsicht die üblichen Engstirnigen, murren, dass das Fechten, das auf ein einfaches Duellfechten reduziert wird, nicht mehr als Kunst angesehen werden kann; aber es ist nicht schwer, ihnen zu antworten, dass unter Kunst nur das Regelwerk zu verstehen ist, mit dessen Hilfe man die Praxis des Kämpfens erlernt. Heute ist das konventionelle Gefecht absurd, und folglich kann sich wahre Kunst nur auf die Regeln des tatsächlichen, ernsthaften, realen Kampfes beziehen.


Sich zu bemühen, als Kunst ausschließlich ein Regelwerk für einen fiktiven Kampf zu definieren, in dem ein Stoß auf das Bein, der dich für immer dieses Gliedes berauben kann, oder ein Stoß auf den Mund, der dich ins Jenseits schicken kann, als null und nichtig zu betrachtet werden, wäre so, als würde man sich bemühen, als Kunst... nur das Regelwerk für ein konventionelles Gemälde zu betrachten, in dem die Farbe Blau auf die Figur, Rot auf die Wiesen, Grün auf den Himmel angewendet werden sollte...


Es ist daher besser zu verstehen, dass sich die beiden Künste gut ergänzen und keineswegs gegenseitig stören.

 

Und nun eine kleine Zusammenfassung der unterschiedlichen Merkmale zwischen den beiden Fecht- und Lehrarten.


Maestro Mario Rossi, ein junger, eleganter, korrekter, nüchterner, blitzschneller Fechter und intelligenter Assistent und Vertreter von Meister Ruggero Tiberini, der ein Spezialist und leidenschaftlicher Anhänger des Degens ist, erklärte sich bereit, mir im Fechtsaal eine praktische Demonstration des Unterschieds zwischen den beiden Fechtarten nach der Schule von R. Tiberini zu geben.


Es ist dieser Unterschied, den ich aus Platzgründen auf einige Grundsätze und Grundzüge in ihrer mehr als elementaren Einfachheit zu reduzieren versuchen werde.


Mensur. - Während sich beim Fechten im Saal (Florett) die Mensur auf die Brust bezieht (das einzig gültige Ziel), bezieht sich beim Fechten wie im Duell (Degen) die Mensur auf die Hand und den Arm (eben weil in der Realität des Kampfes jedes Ziel gültig ist). Erster Grundsatz: Die Notwendigkeit, die Mensur auf eine ganz andere Weise wahrzunehmen als in der alten Lehre.


Fechtstellung. - Während im Fechten im Saal die Auslage etwas leger und zudem äußerst unvorsichtig ist, indem sie den Arm völlig unbedeckt lässt [7] (der vereinbarungsgemäß als unverwundbar gilt) und das Knie sehr weit nach vorne bringt (das ebenfalls als unverwundbar gilt), ist im Duellfechten die Fechtstellung etwas enger, der Arm ist vollständig auf Schulterhöhe ausgestreckt, die Faust ist in Supination und nach außen gerichtet, der Fechter verteidigt sich vollständig mit der Fechtstellung und verfolgt die gegnerische Faust mit der Degenspitze. Zweiter Grundsatz: Die herkömmliche Florettstellung völlig zu vergessen, um sich mit der Auslage vertraut zu machen, die zwar anstrengender, aber sicher umsichtiger für den Degen ist.


Parade. - Während im Florett die Grundregel gilt, mit der Klinge zu parieren und sofort zu ripostieren, (was den Arm freilegt, der so dem Stoß einer schnellen Rimesse ausgesetzt bleibt), triumphiert im Degenfechten die Logik, eher mit Opposition als mit der Klinge zu parieren, mit ausgestrecktem, gut gedecktem Arm und mit sehr schnellen Drehungen der Faust. [8] Der Grundsatz des Degens ist es, stets zu bedrohen, ohne sich jemals zu entblößen. Dritter Grundsatz: Lösen Sie sich von dem schädlichen Automatismus des Floretts, sofort die Parade zu nehmen und den Arm anzuwinkeln, wenn Sie in die Fechtstellung zurückkehren, und üben Sie sich stattdessen an dem logischen und umsichtigen Automatismus des Stoßes, ohne sich jemals zu entblößen, und die Degenspitze immer bedrohend auf den Gegner gerichtet zu halten.


Gefechte. - Im Gegensatz zum Fechten im Saal, und aus recht offensichtlichen Gründen, wird in der Duellfechtweise der Ausfall weniger weit ausgeführt, die Rückkehr in die Fechtstellung ist vorsichtiger, der Ausfallschritt nach hinten, das schnelle Aufstehen in ein Ritirato wird häufig ausgeführt, vom Angriff in erster Absicht wird abgeraten, stattdessen wird man dem psychologischen Spiel mehr Aufmerksamkeit widmen, also der zweiten Absicht. Vierter Grundsatz: Das Gefecht immer so führen, dass man die Realität des Kampfes nicht aus den Augen verliert, und damit alle Techniken der Kunst zuzulassen, zu parieren, zu stoßen, zu bedrohen, zu verlängern, zu arretieren, das Eisen des Gegners abzulenken und auf jede Art und Weise anzugreifen, die sich anbietet; Vorwärts-, Rückwärts- und Seitwärtssprünge auf alle möglichen Arten und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass alle Stöße, die ein Ziel erreichen, immer gültig sind, und dass Doppeltreffer (Incontri) für beide Kämpfer als gültig angesehen werden müssen, da beide Kämpfer getroffen werden und daher gemeinsam den Makel haben, dass sie das Getroffen-werden nicht vermeiden konnten. Und für die Realistik des Kampfes ist es ebenfalls Grundsatz, dass nur solche Treffer nicht gezählt werden, die deutlich nach dem ersten Treffer aufkommen oder Treffflächen mit deutlich unterschiedlicher Entfernung anvisierten. Auch nichtig müssen Treffer nach einer Entwaffnung sein, die auftreffen, nachdem die Klinge des Gegners bereits den Boden berührt hat.


Methodik. - Während in der Schule des Floretts von Anfang an die Lehre der Cavation (Umgehungsstoß) vorgeschrieben ist und dieser Lehre die größte Bedeutung beigemessen wird, ist in der Schule des Degens von Anfang an die Lehre der Klingenangriffe vorgeschrieben.


Angesichts einer Klinge, die sich ständig in Linie befindet, ist der Umgehungsstoß nicht mehr und nicht weniger als absurd und unmöglich: Wenn es notwendig ist, zu stoßen ohne sich dabei selbst aufzuspießen ist ein größerer und effektiverer Einsatz von Klingenangriffen erforderlich, aber dafür dort effektive, starke Aktionen, ohne Ausnahmen (Battuten, Sforzi, Bindungen, Gleitstöße, Übertragungen, etc.), mit einer reichen Auswahl an Kombinationen und einem größeren Anwendungsbereich der Spitze, und nur in zweiter Linie, und soweit es zweckmäßig ist, die freien Stöße mit all ihren Ableitungen.


All dies wird stets mit dem vollen Reichtum an Fechtaktionen durchgeführt und nicht dem Vorurteil einiger entsprechend, die glauben, das Degenfechten auf einige wenige, ausschließlich auf den Arm gerichtete Aktionen beschränken zu müssen.


In der Tat besteht der Verdienst des Degenfechtens darin, das Fechten an die Realität des Duellfechters herangeführt zu haben; und daraus folgt, dass, sowie die Fechter nach einer schweren Beleidigung nach einer schweren Verwundung zielen werden, und folglich die Brust anvisieren werden, diese Situation im selben Maße auch im Trainingsgefecht behandelt werden sollte, wenn die Fechter einen solchen Stoß nach einem vorsichtigen Beobachten, Ausforschen, Vorbereiten als möglich, geeignet, sicher erachten. [9]

 

Wenn man also den Unterschied zwischen den beiden Fechtarten in seinen Grundzügen verstanden hat und die unzähligen anderen kleinen Unterschiede außer Acht lässt, ist es sicherlich einfacher, sie zu unterscheiden, sie zu schätzen, sie zu verstehen und sogar ein wenig... zu beurteilen.


Aber wenn man diesen Punkt erreicht hat, stellt sich fast immer die Frage: Ist das eine dem anderen überlegen, ist das eine dem anderen vorzuziehen, ist der ausschließliche Unterricht des einen dem anderen vorzuziehen?


Und bei dieser Frage pflegt Meister Ruggero Tiberini, der das Geheimnis der Eleganz in Verbindung mit der blitzschnellen Attacke und das der Finesse und Komplexität der Konzeption der Praxis in Verbindung mit der durchdachten und leidenschaftlichen Dialektik der Theorie kennt, das Gefecht zu unterbrechen und, umgeben von seinem würdigen Kollegen, Maestro Mario Rossi, der alle Talente des Direktors besitzt, von den vielen hervorragenden Fechtern seiner Schule und von den vielen vielversprechenden jungen Absolventen seines Hauses pflegt er mit der ganzen Begeisterung eines Mannes der Waffen sein absolutes, axiomatisches Urteil, das er nicht müde wird zu wiederholen, auszusprechen, ja Wort für Wort zu buchstabieren: Das Fechten hat zwei Ziele, das eine erzieherisch, das andere kämpferisch; es ist daher logisch, dass die beiden Kampfsysteme nebeneinander bestehen müssen, unterschiedlich bleiben müssen, sich aber niemals gegenseitig zerstören dürfen; beide haben also ein so hohes, so edles Ziel gemeinsam, das sie immer zusammenführt: Die jungen Energien zu mäßigen, sowohl für den Angriff als auch für den Widerstand, für die Zähigkeit als auch für die Kühnheit, für die schnellen Entschlüsse als auch für die Authentizität der Handlungen und die Ritterlichkeit: Tugenden, die die besten, die größten und die wünschenswertesten im Menschen sind.


In einem dieser Momente wird der Maestro redselig, wortgewandt, überzeugend, enthusiastisch.


Im kleinen Kreis der Kompetenten kreuzen sich oft die unterschiedlichsten Urteile, die widersprüchlichsten Meinungen, die ausgeklügeltsten Argumente, aber man spürt, dass unter all der kühnen Jugend nur einer der wahre Triumphator ist, und dann fällt es einem bei dem wenigen Wissen, das man von ritterlichen Dingen hat, plötzlich ein, und man ist versucht, dem Meister das berühmte Motto zu widmen, das Francesco I. einst in Jarnac sprach: Vous avez combattu en César et parlé en Aristote.


CARLO MARIO BRUNETTI

 

Quellen und Anmerkungen:

  1. "La Scherma Italiana", 1912, Ausgabe 2.

  2. Man könnte es auch "Florett- oder Degenfechten" übersetzen - die Italiener hatten zunächst keinen eigenen Begriff für die neue Fechtart oder die Waffe. Aus "Spada" (Schwert) wurde zunächst "Spada da sala" (Schwert des Saals), später "Fioretto" (Florett). Die neue Waffe wurde zu "Spada da terreno" (Schwert des Bodens), später nur noch "Spada". Die Fechtweisen wurden entsprechend aufgeteilt in "Scherma da sala" bzw. "Scherma da terreno".

  3. Dass das Degenfechten eine Ableitung des Florettfechtens sei war auch die gängige Meinung der meisten italienischen Fechtmeister, die die neue Fechtweise nicht direkt kategorisch ablehnten. In meiner Bibliothek finden sich im italienischen Raum nur die Greco-Brüder, die den Degen als unabhängige Disziplin auffassen (La spada e la sua disciplina d'arte, 1912). Interessant ist, dass der Autor in seinem Musikanalogie-Zitat einen französischen Fechtmeister wählt - für den die Situation grundlegend anders war. Schon die französische Fechtstellung für das Florett unterscheidet sich deutlich von der des Degens. Das Zitat ist daher auf die italienische Fechtart in viel geringerem Maße anwendbar.

  4. Hier seht man sehr schön, wie eng verknüpft die Techniken einer Schule sind. Ist der Arm eine valide Trefffläche (und nicht wie im Duell auf Kampfunfähigkeit durch einen Unterarm-langen Handschuh geschützt), sind Einladungen nicht mehr sinnvoll. Fallen diese weg ist die Parade aus dem Stand kaum mehr möglich, da die Auswahl der Paraden zu lange dauern würde. Pariert mein Gegner nicht mehr im Stand bin ich nicht mehr gezwungen, einer sofortigen Riposte mit einer sofortigen Parade zuvorzukommen, und kann stattdessen gestreckt aufstehen. Ändert man ein Detail der Fechtweise, kann das dramatische Auswirkungen haben... Der Autor vereinfacht diesen Sachverhalt zu Gunsten seines Arguments freilich etwas.

  5. Diese Beobachtung entspringt sicher der Praxis, denn die italienische Theorie der alten Schule ist für diese Situation gerüstet. Grund war vermutlich, dass Florettfechter zu schnell zu komplexen Angriffen wechselten, ohne die Reaktionen des Gegners vorher ausreichend zu erforschen.

  6. Dieses Argument macht auch Agesilao Greco. Die "antike italienische Fechtweise" bezieht sich auf das Rapier, bei dem praktisch nicht pariert wurde, sondern bei dem mit Ausweichen oder Gegenangriff bzw. Sperrstoß auf den Angriff geantwortet wurde.

  7. Dieses Argument trifft eher auf die frühere (vor 1880, bspw. Vittorio Lambertini) bzw. spätere italienische Fechttechnik zu, die schon als die "internationale Schule" (bspw. Aldo Nadi) bezeichnet werden kann. Und natürlich auf die französische Schule. Gerade im Zeitraum des Artikels (1880 - ca. 1920) hatte auch der italienische Florettfechter i.d.R. ein fast komplett gestrecktes Lager. Würde der Autor nicht explizit von der Fechtstellung sprechen könnte man diesen Satz auch als Kritik an der Waffe selbst auffassen, die ja eine wesentlich kleinere Glocke hat.

  8. Mit "Opposition" ist hier eine Parade mit der Glocke allein, ohne Beteiligung der Klinge gemeint. Diese Paraden werden gegen Stöße auf den Arm angewandt, sind schnell und ausreichend, aber nicht ganz einfach in der Durchführung.

  9. Der Autor möchte hier feststellen, dass das Degenfechten universell ist und der Degenfechter sehr wohl in der Lage ist, auch auf den Körper zu stoßen statt nur auf Arm und Kopf. Damit hat er grundsätzlich recht, wobei man sagen muss, dass solche Angriffe dann entweder equivalent zum Florett durchgeführt wurden (bspw. Masaniello, Pecoraro, Pessina, Barbasetti, was seiner anfänglichen Aussage widerspricht, das Degenfechten sei keine Ableitung des Florettfechtens), oder weit weniger perfektioniert waren als im Florettfechten (das sich ja explizit damit beschäftigt). Hier manifestiert sich der grundlegende Auslöser der Entwicklung der neuen Schule: Die Praxis des Duells hatte sich geändert, das Florett war auf die alte Fechtweise, der Degen auf die neue spezialisiert.

Vielen Dank - wir freuen uns über Dein Interesse!