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Die beste Fechtschule 1/2

Aktualisiert: 4. März 2023

Diese Frage trieb mich um, seit ich das erste mal ein Florett in der Hand hielt. Immer mit der dumpfen Sorge im Hinterkopf, "was, wenn die Schule, die ich lerne, nicht diese beste ist? Wenn es irgendwo eine Schule gibt, die meiner strikt überlegen ist?". Wer möchte schon die Schule "zweiter Wahl" lernen? Die Frage nach der besten Art zu fechten hielt sich. Durch alle Lektionen, die ich erhielt. Durch meine C-Trainer Ausbildung. Selbst die Ausbildung zum Classical Fencing Demonstrator der CAA brachte keine definitive Antwort mit sich.


Nahaufnahme zweier Florette vor einem antiken Ofen.

Nun, inzwischen glaube ich, die Antwort gefunden zu haben. Und wer jetzt meint "die beste Schule nach Meinung Christians? Das kann ja nur auf die späte italienische hinauslaufen!", der täuscht sich.


Ich möchte euch mitnehmen auf diese Suche - in die Sackgassen, dessen hell schimmernde Lichter am Ende doch nur die Beleuchtung für Schilder mit dem Text "hier geht's nicht weiter" sind. Aber auch auf die Pfade, die nur vom richtigen Blickwinkel sichtbar sind, die jedoch viel näher an das Ziel führen. Wer sich selbst die Frage nach der besten Schule stellt, dem kann ich hier vielleicht etwas Zeit sparen. Und wer sich schon sicher ist, die Antwort gefunden zu haben - den fordere ich heraus, noch einmal genau darüber nachzudenken.


Was macht die beste Schule aus?


Das sollten wir zuerst einmal definieren. Mein Grundansatz damals war einfach: Diejenige, die am sichersten trifft, und am besten verhindert, selbst getroffen zu werden. Einfach und effizient. Aber auch schwer fassbar. Frag' einen der kreussler'schen Fechter nach der besten Schule, und er wird dir mit Begeisterung erklären, warum seine Schule gleichzeitig die sicherste und die gefährlichste sei. Das selbe gilt für den Rapierfechter, den Hofdegenfechter und die Fechter späterer Epochen.


Jeder hält erstmal das für das beste, das er selbst am besten kennt. Das taugt nicht zum objektiven Vergleich... Wir brauchen eine bessere Metrik.


Vielleicht sollte man mehr auf "Sicherheit" gehen...


Fangen wir mal beim Offensichtlichen an. Jede Schule muss als Ziel haben, zu treffen, ohne getroffen zu werden. Legen wir den Fokus mal auf das "nicht getroffen werden" und schauen, wohin uns das führt, denn es gibt ohne Zweifel sicherere und unsicherere Arten, mit dem Degen zu agieren.


In der frühen Hofdegenschule stellen wir fest, dass die Sicherheit das definierende Elemente ihrer Fechtweise war. Nicht umsonst haben die Franzosen gerade zu dieser Zeit die Parade als eigenständiges Element entwickelt. Ein paar Beispiele aus dem hervorragenden Buch von La Touche [1]:


"Paraden werden wann immer möglich mit Schritt rückwärts ausgeführt. Das "verdoppelt" den Schutz, denn dadurch entziehe ich gleichzeitig die Trefffläche und schütze mich noch durch die Parade. Stöße werden ausschließlich fest, d.h. in Kontakt mit der gegnerischen Klinge durchgeführt. Freie Stöße existieren kaum, und von denen, die existieren, wird abgeraten. Eigene Angriffe werden nur in das gegnerische Tempo geführt, d.h. der Gegner muss gleichzeitig mit einer eigenen Bewegung beschäftigt sein, um ein Mitstoßen zu verhindern. Das geht so weit, dass selbst nach einer eigenen Bindung ein Angriff nur dann durchgeführt wird, wenn der Gegner irgendwie darauf reagiert. Ansonsten könnte er beim anschließenden Stoß reinhalten und einen Doppeltreffer verursachen. Reagiert er nicht, breche ich die Aktion ab und versuche etwas anderes."


Sicherer geht es kaum.


Zwei Hofdegenfechter kreuzen die Klingen an der Schwäche.
Das "Suchen der Klinge" so früh wie möglich - ein Merkmal der sicherheitsorientierten Hofdegenschule.

Schauen wir uns dagegen die als so duelltauglich beworbene, späte italienische Schule [2] an:

"Paraden werden wann immer möglich im Stand ausgeführt. Gleitstöße gibt es, aber sie sind ein sehr bewusst eingesetztes Mittel, vor allem gegen die Klinge in Linie. Die Regel sind eher freie Stöße, wenn auch mit einer leichten Opposition. Für die Riposte wird die Klinge fast immer gelöst. Einladungen sind fester Bestandteil der Fechtweise, bevorzugt gebundene, aber auch freie."


Kein Vergleich zum Hofdegen.


Ein italienischer Florettfechter ripostiert in die Flanke und löst sich dabei von der Klinge.
Eine freie Riposte nach der Terz-Parade - im Hofdegen undenkbar, im Italienischen gang-und-gäbe.

Ein einfacher Punktesieg für den Hofdegen, also? Darüber lässt sich streiten, denn: Die beiden Schulen agieren schlicht auf unterschiedlichen Gegnermodellen. La Touche geht von einem Gegner aus, der bei einem Angriff einfach mitstößt. Ein Mitstoßen ist natürlich extrem riskant, und darum werden wir auf dieses Verhalten vor allem bei ungeübten Gegnern stoßen. Gegen diesen ist diese sehr vorsichtige Fechtweise auch genau die richtige. Würde man gegen einen solchen Gegner wie oben beim Italiener beschrieben vorgehen, wäre ein Doppeltreffer vorprogrammiert.


Die italienische Fechtweise beschreibt jedoch den Kampf gegen einen erfahrenen, bewusst agierenden Gegner. Und der wird sich hüten, einfach reinzuhalten, wenn sich die gegnerische Spitze rasend schnell der eigenen Brust nähert! Er wird tunlichst parieren, anstatt bewusst einen Doppeltreffer in Kauf zu nehmen. Die Gefahr eines Mitstoßens ist damit wesentlich geringer.


Auf der anderen Seite ist die Fechtweise des Hofdegens wie in La Touche beschrieben zu einfach, zu offensichtlich für den erfahrenen Fechter. Der Schritt rückwärts entwertet die Riposte, ich bekomme viel Zeit zum Aufstehen und weiß auch immer recht exakt, wo welcher Angriff ankommen wird. Ich kann einfach parieren und bekomme für meine Angriffe fast unbegrenzt viele Versuche. Für einen erfahrenen Gegner möchte ich die Angriffe für ihn riskanter machen, und ich brauche mehr Optionen für meinen Angriff, um ihm die eigene Verteidigung zu erschweren - und diese Optionen bekomme ich z.B. mit dem Zusatz der freien Stöße. Auf der anderen Seite kann man gut argumentieren, dass die italienische Schule - wie alle Schulen zu der Zeit - zu stark den theoretisch idealen Gegner vor Augen hat. Und das dieser im Duell praktisch nicht existiert.


Der Italiener wird sich gegen einen unerfahrenen Gegner umstellen müssen - er wird z.B. mehr in 2. Absicht arbeiten, und damit ebenfalls sicher gegen einen Mitstößer vorgehen können (was auch in den italienischen Texten gut dokumentiert ist). Das heißt natürlich auch, dass der Italiener bewusst auf einen unvorsichtigen Gegner vorbereitet werden muss - ansonsten wird er von dessen Verhalten überrascht und getroffen. Das ist ein Vorteil der Hofdegenschule: Besteht man gegen bessere Fechter, besteht man automatisch auch gegen schlechtere Gegner. Das ist bei der italienischen Fechtweise nicht notwendigerweise der Fall. Ob La Touche seine Fechtweise gegen einen erfahrenen Gegner anpasst, wissen wir nicht - er unterscheidet wenig zwischen erfahrenen Fechtern und Neulingen.


Wer hat Recht, wer hat Unrecht? Beide, beides, ein bisschen. Vielleicht hat sich auch das Verhalten des "Standard-Gegners" über die Zeit geändert, und früher traute man sich mit weniger Fechtausbildung an ein Stoßduell als in der Neuzeit? In jedem Falle kann man auch hier darüber diskutieren, welche Schule den Kompromiss zwischen Offensiv- und Defensivfähigkeit besser trifft.


Je neuer die Schule, desto besser?


Ein anderer Versuch: Eine neuere Schule hatte zwangsläufig einen Vorteil gegenüber der alten. Sieht man nun über Randerscheinungen wie z.B. die Holland'sche Methode [3] ab, müssten wir eine stete Verbesserung der Fechtweise zur Folge haben. Damit könnte ich also Aussagen treffen, wie dass die späte französische Schule eine bessere sei als die frühe Hofdegenschule (oder deren Vorgänger).


Das klingt verlockend, aber wir können nicht annehmen, dass das immer so stimmt. Ein einfaches Gedankenexperiment: Stellt euch vor, wir haben eine Schule, die auf Stöße auf die Brust spezialisiert ist und gleichzeitig den Kopf besonders gut deckt. Eine spätere Schule, die die Brust besonders gut deckt und auf Stöße auf die Beine spezialisiert ist, ist dieser Schule überlegen. Die Angriffe der ersten Schule enden genau dort, wo die zweite Schule auf die Parade spezialisiert ist, diese werden also nicht treffen. Auf der anderen Seite enden die Angriffe der zweiten Schule auf den Beinen, ein Angriff, den die erste Schule nicht gewohnt ist.


Viele Jahrzehnte vergehen. Niemand ficht mehr in der ersten Schule, denn die zweite ist ja strikt besser. Da entwickelt sich eine dritte Schule:


Diese dritte Schule stößt bevorzugt auf den Kopf, und ist auf die Verteidigung der Beine spezialisiert.


Die dritte Schule dominiert die zweite, wie einfach zu sehen ist. Die zweite Schule wird damit ebenfalls verdrängt werden, und noch ein paar Jahrzehnte später ficht jeder in der dritten Schule. Der Witz dabei: Die erste Schule wäre der dritten Schule überlegen! Aber da keiner mehr da ist, der die erste Schule beherrscht, spielt das erstmal keine Rolle mehr. Welche dieser drei Schulen ist nun die beste? Schwer zu sagen... [4]


Praktisch bedeutet das, dass man schlecht behaupten kann, die z.B. gefürchtete Säbelschule der Husaren wäre der späten ungarischen Schule unterlegen. Das kann natürlich der Fall sein. Es kann aber auch sein, dass die späten ungarischen Fechter einfach nie einem Husaren begegnet sind.


Eine französische Husaren-Truppe.
Die gefürchteten Husaren - kein Gegner für den späteren Säbel?

Aber ab 1896 wird es einfacher - oder?


1896 finden zum ersten mal in der Neuzeit die olympischen Spiele statt [5]. Und während der Sport oft als schädlich für die Fechtkunst angesehen wird, gibt uns das eine Chance zum objektiven Vergleich: Anders als früher stehen sich nun die besten Vertreter verschiedener Fechtschulen gegenüber, und wir können feststellen, wer die meisten Medaillen holt. Auch außerhalb der olympischen Spiele finden verstärkt Wettkämpfe mit internationaler Besetzung statt. Das ist eine Neuheit: Bis zu dem Zeitpunkt musste man sich zwischen den Schulen auf anekdotische Erfahrungen stützen, und die sind - aufgrund der seltenen und ungleichen Begegnungen - oft wenig aussagekräftig.


Ein formeller Gruß der Fechter auf der Olympiade, 1896
Olympia 1896 ermöglichte zumindest den Vergleich unter Profis.

Doch auch diese Vergleiche hinken in der Praxis. Zum Beispiel sind nicht einmal alle Fechtrichtungen der Zeit wirklich in den internationalen Wettkämpfen vertreten. Die kreussler'sche Fechtweise ist von Grund auf inkompatibel mit der Wettkampfordnung und entzieht sich direkt dem Vergleich. Andere dominieren zwar, aber nur dann, wenn die Wettkampfordnung nach ihren Vorstellungen angepasst wird... [3]


Ein häufig übersehener Gesichtspunkt ist aber der, dass in diesen größeren Wettkämpfen Profis gegeneinander antreten. Es testet das ultimative Potential der Schulen, nicht jedoch, was der reguläre, wenn auch ambitionierte Fechter erreichen kann. Was nützt mir die beste Fechtschule, wenn sie einen Ausfall benötigt, bei dem das Standbein mit dem Oberschenkel des Ausfallbeines in einer geraden liegt? Die Schule mag noch so perfekt sein, praktikabel ist sie für den Großteil der Fechter nicht.


Und damit haben wir tatsächlich eines der Puzzleteile für die Antwort auf unsere Frage gefunden: Die Schule muss effektiv erlernbar sein. Sie muss ihr Potential zu einem akzeptablen Preis freigeben, ansonsten wird sie kaum jemandem nutzen.


Noch nicht am Ziel


Ein Goldstück haben wir bereits gefunden, und ein paar gute Gedanken mussten wir schon auf der Strecke lassen. Wir sind noch nicht am Ziel - das Thema gibt genug Stoff für zwei Blogartikel. Dort werde ich dann auflösen, wie ich die Frage nach der besten Schule heute beantworte.


In der Zwischenzeit ermuntere ich euch, einmal selbst darüber nachzudenken: Wenn ihr stets nur eine Schule gefochten habt, wie könntet ihr objektiv argumentieren, dass diese einer anderen überlegen sei? Und ist diese Frage überhaupt die richtige?


Fortsetzung folgt...

 

Quellen:

  1. La Touche's "Les Vrayes Principes l'espee seule", 1670, ist eines der besten Hofdegen-Bücher, die ich bisher gelesen habe. Anders als in vielen anderen Texten handelt es sich nicht nur um eine wenig zusammenhängende Technik-Sammlung, sondern um ein System, in dem auch die Zusammenhänge erläutert werden. Der Text ist auch als englische Übersetzung verfügbar.

  2. Masaniello Parise, Ferdinando Masiello, Luigi Barbasetti, um die bekanntesten Vertreter der späten italienischen Schule einmal zu nennen. Die Meister rühmen ihre Fechtschule mit einer großen Duelltauglichkeit, die ihnen sogar von der französischen Konkurrenz zugestanden wird. Dies wird auch dadurch deutlich, dass die Anpassung an das Degenfechten, damals als das realistische Duellfechten gefeiert, für die Italiener oft nicht mehr als eine Randnotiz zu ihrer bestehenden Florettschule war.

  3. Christiaan Siebenhaar unternimmt 1858 den Versuch einer eigenständigen, niederländischen Schule. Sie erlangte vor allem durch ihre etwas skurrile Wettkampfstruktur Berühmtheit. Mit dem Ableben Siebenhaars kehrten die Niederlande ohne Nennenswerte Verzögerung auf die bewährte, französische Fechtweise zurück. Siebenhaar's Methode kann man sich auch ohne Kenntnis der Sprache dank einer Übersetzung ansehen.

  4. Der Fachbegriff hierfür ist "Transitivität": Wenn B besser A gilt, und C besser B gilt, dann folgt, dass auch C besser A gilt. Nicht-Transitiv bedeutet, dass man diese Aussage aus den beiden Voraussetzungen nicht treffen kann.

  5. Die ersten olympischen Spiele fanden 1896 statt - Fechten war von Anfang an mit dabei.

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