Grundsätze des szenischen Fechtens

Aktualisiert: Mai 1

Unterschiede zwischen szenischem- sport- und klassischem Fechten

Szenisches Gefecht, eine Fechterin liegt am Boden, eine andere bedroht sie mit dem Hofdegen.

Fechten ist ein Zweikampf, der schon immer bestimmten Regeln unterworfen war. Duell-Codex, Mensur-Comment und später die Regeln der F.I.E. bestimmen den Ablauf eines Gefechts.


Beim heutigen elektrischen Sportfechten liegt der Fokus auf dem "Punkten", Treffer, die man sich selbst einhandeln kann, werden akzeptiert und können sogar Teil der Strategie sein. Eine Hauptsache ist, dass man ist schneller ist als der Gegner, da reichen Bruchteile von Sekunden. Für den ungeübten Zuschauer sind solche Gefechte nur schwer verfolgbar, und oft nicht nachvollziehbar.


Klassisches Fechten mit dem Degen ist der ernsthafte Versuch, ein Duell mit scharfen Waffen zu simulieren, hier gilt der Grundsatz: Treffen, ohne selbst getroffen zu werden. Meist ist nach einem bis drei Treffer der Kampf beendet. Diese Art zu Fechten ist für den Zuschauer schon einfacher zu verstehen, und aufgrund der geringeren Geschwindigkeit, die der Vorsicht geschuldet ist, auch einfacher zu verfolgen.


Beim Szenisches Fechten hingegen steht die Wahrnehmung des Zuschauers im Mittelpunkt, der Fokus liegt auf dem, was ein der Fechtkunst Unkundiger mit seinen Sinnen nachvollziehen kann. Der Sieger steht von vornherein fest, alles läuft nach den Vereinbarungen ab, die man zuvor abgesprochen hat. Bereits hier wird deutlich, dass der szenische Fechter nicht mit einem Gegner, sondern mit einem Partner kämpft, für dessen Sicherheit er obendrein noch verantwortlich ist. Bekanntlich wird beim szenischen Fechten keine Schutzbekleidung verwendet.


Für die Sicherheit sorgen andere Mechanismen, nämlich Präzision der Aktionen, Mensur und Fechttechnik. Zugeständnisse gegenüber dem Kampf mit "scharfen" Waffen sind notwendig, sollen aber so angewendet werden, dass der Zuschauer dies nicht registriert.


Das Publikum wird später sicher nicht sagen, Herr Meier hat schlecht, der Huber aber sehr schön gefochten, nein, es wird sagen: das Gefecht hat gefallen oder - vielleicht - das Gefecht war eine Zumutung. Der Zuschauer fällt also ein Gesamturteil.


Die Kunst des szenischen Fechtens besteht nun darin, trotz der abgesprochenen Waffengänge den Eindruck zu vermitteln, dass es eben nichts abgesprochen war. Das wird erreicht durch technisch einwandfreie, saubere Aktionen, wie diese vom Fechtlehrer/Meister vermittelt werden. Es kann angenommen werden, dass ein schauspielerisches Talent vorteilhaft für szenische Fechtdarbietungen ist. Mimik und selbstbewusstes Auftreten können so machen "Patzer" ausgleichen.


Mit diesen Gedanken sollte ein szenischer Fechter in den Kampf gehen, sich in die Epoche, in der das Gefecht stattfindet, hineinversetzen. Das bereitet innerlich auf das Handeln vor und hilft beim Ablauf der Aktionen.


Aufbau eines szenischen Gefechtes

Portrait eines Fechters mit einem spanischen Glockenrapier.

Die klassischen Fechttechniken - vornehmlich der italienischen- und französischen Schule, liefern die Basis für das Schaufechten, das Fechten an der Bühne. Beim Theater erwartet der Zuschauer nicht nur Fechttechnik, sondern auch den Dialog zwischen den Fechtern. Die fechterischen Handlungen müssen diesem Wunsche entsprechend angepasst werden.


Daher ist es wichtig, die Waffengänge für den Zuschauer - der in der Regel vom Fechten wenig oder gar nichts versteht - nachvollziehbar zu machen. Das bedeutet, Schritte, Ausfall, Angriff und Paraden sind so auszuführen, dass das Zuschauerauge einen Sinn der Handlungen erkennen kann. Aktionen dürfen nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam ausgeführt werden. Szenisches Fechten ist dann perfekt, wenn selbst ein "Fachmann" rätseln muss, ob die Aktionen nun abgesprochen sind oder nicht.


Gute Gefechte enthalten den Hieb wie den Stoß zu etwa gleichen Teilen. Reine Hiebgefechte langweilen ebenso wie reine Stoßgefechte. Wichtig ist auch, die einzelnen Aktionen nicht im selben Rhythmus, sondern taktisch verzögert auszuführen. "Staccatofechten" wirkt meist nur eintönig und einstudiert.


Der Rhythmus der Aktionen kann verändert werden durch Mimik, Akustik, Stampfen und Schreien, aber auch nur durch einfaches "Durchatmen". Es hat sich in der Praxis gezeigt, dass ein Waffengang mit mehr als vier Aktionen den Zuschauer nicht mehr fesselt.


Selbst wenn ein szenisches Gefecht (szenisches Fechten ist nicht gleichbedeutend mit Theaterfechten) ausschließlich die Technik, die Handhabung der Fechtwaffe zeigt, sollten die Fechter passend gekleidet sein. Ein wallendes weißes Hemd und eine schwarze Hose sind einfach zu beschaffen und in jedem Falle ansprechender als eine moderne Sportbekleidung - womöglich noch mit Werbeaufdruck.


Für eine ansprechende Aufführung, selbst wenn diese nur Fechttechniken ohne Dialog zeigt, sollten auch passende Waffen verwendet werden. In der Praxis hat sich das italienische Gefäß, also Glocke mit Parierstange mit eingebauter Sportdegenklinge als am besten tauglich erwiesen. Mit dem Kreuzgriff können sowohl Hiebe als auch Stöße gleichermaßen gut ausgeführt werden.


Eine Originalwaffe der jeweiligen Epoche bzw. eine schöne Kopie davon sind natürlich grundsätzlich einer Sportwaffe vorzuziehen. Wichtig ist aber, dass die Waffe nicht zu schwer ist - "flüssiges" Fechten macht den Waffengang elegant, nicht plumpe Kraft und Blechgescheppere.


Grundsatz - Vereinbarungen

Alle Aktionen mit der Waffe und dem Körper (Arrangements) werden festgelegt. Sie müssen wie Text auswendig gelernt werden. Dabei helfen das Raumgefühl und auch "Muskelgedächtnis" bei der Orientierung in der Szene. Auch festgelegte Tempi und Rhythmus erleichtern das Erinnerungsvermögen. Zu guter Letzt werden lange Fechtsequenzen in überschaubare "Päckchen" eingeteilt.


Grundsatz - Ausgewählte Aktionen

Die Fechtaktionen müssen der Situation und dem Charakter einer Rolle entsprechen. Folgendes muss zusätzlich beachtet werden:

  • historische Gesichtspunkte

  • die Waffen

  • das Leistungsvermögen der Fechter

  • ein Partner darf nicht bloßgestellt werden

Grundsatz - Aktionen

Die Aktionen müssen ausdrucksvoll und zielstrebig ausgeführt werden. Der kämpferische Charakter der Szene muss hergestellt werden. Beginn und Verlauf der Aktion müssen sowohl für den Partner als auch möglichst für das Publikum erkennbar sein. Tempo und Rhythmus müssen die Sehgewohnheiten des Publikums berücksichtigen. Besonders durch den Film hat sich das Publikum an spektakuläre Aktionstempi gewöhnt. Historisches Originaltempo würde den Zuseher langweilen. Dennoch kann auf gewisse historische Gepflogenheiten nicht verzichtet werden. Das betrifft besonders die Etiketten des Zeitalters.


Grundsatz - Verwunden und Töten

Die Techniken des Verwundens, Tötens und die dazugehörigen Reaktionen müssen unbedingt geübt werden Da diese Aktionen wohl meist am Ende eines Gefechts ausgeführt werden, bedürfen sie der besonderen Aufmerksamkeit des Akteurs und Fechtlehrers. Stimmt die Schlussaktion nicht, beschädigt das die gesamte Fechtszene. Um so schlimmer, wenn das Gefecht beeindruckend war.


Betrachtungen zum Hiebfechten


Aus Gründen der Sicherheit müssen die Hiebe so ausgeführt werden, dass der Partner im Falle eines Ausbleibens der Parade nicht berührt wird!


Eine Art Boxbewegung aus dem Ellbogengelenk bei feststehendem Handgelenk ist die Grundlage dafür. Eine große Auftaktbewegung macht den Hieb für den Partner ersichtlich. Dann stellt er die Parade und der Angreifer führt den Hieb aus. Merke: beim Hiebfechten bedeutet Nähe zum Gegner Sicherheit, beim Stoßfechten dagegen Entfernung.


Unterschieden wird zwischen direkt ausgeholten Hieben (gezogene Hiebe) und geschwungenen Hieben. Die geschwungene Auftaktbewegung zeigt eine etwa dreiviertel Kreisbewegung des Armes sowohl in horizontaler als auch in vertikaler Richtung und endet danach in der bereits beschriebenen Boxbewegung.


Wird der Hieb mit einer Beinbewegung verbunden, dann erfolgt die Auftaktbewegung im Stand. Bei zusammengesetzter Beinbewegung (z.B. Patinando) wird die Auftaktbewegung mit der ersten Beinbewegung kombiniert. Die Auftaktbewegung muß immer sowohl in der Richtung als auch in der Höhe dem nachfolgenden Hieb entsprechen.


Empfehlung:

Greift der Partner bei Gefechtsbeginn mit einem geschwungen Hieb an, sollte dieser mit einem Patinando kombiniert werden.


Zum vertikalen Hieb ist es nach einer Terz- oder Quartparade besser, direkt auszuholen - jedoch nach der Prim- und Secondparade ist die geschwungene Auftaktbewegung günstiger.


Hiebe, die zum Körper des Partners gerichtet sind aber vorbeigehen, weil dieser in irgendeiner Weise aus der Mensur oder Trefffläche geht, nennt man "Passehiebe". auch diese werden horizontal und vertikal bzw. gezogen und geschwungen ausgeführt.

Vielen Dank - wir freuen uns über Dein Interesse!